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 Betreff des Beitrags: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 17. Okt 2020, 10:22 

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Hallo zusammen,

Ichvhab das zum Teil schon in einem Thread mal angesprochen, aber jetzt kam noch was hinzu und ich weiß gerade einfach nicht, wie ich mehr was richtig ist. Es ist wie ein Kompass der sich plötzlich um 180Grad dreht.
Aktuelles Thema war das Weinen. 3 Jahre lang musste ich mir anhören, dass ich nicht dagegen ankämpfen soll, dass es gut ist und bei mir auch dem Stressabbau dient, es darf mal sein, wenn es so ist, dann ist es eben so und es ist nicht schlimm,.. usw. Dann kam jetzt die Kehrtwende: es wäre schon schlimm, wie das bei mir ist. Eigentlich sollten meine Medikamente das in dem Ausmaß verhindern passiert, wie es aktuell so ist. Ob ich denn mit dem, so wie ich eingestellt bin zufrieden bin?
Ich weiß gerade nicht, wonach ich gehen soll?

Nächstes Thema: man muss eigentlich nichts. Ich soll mehr auf meinen Körper hören und mich zu weniger zu Sachen zwingen, die ich nicht will oder für die ich zu erschöpft bin. Beim letzten Arztbesuch bekam ich den dringenden Rat, dass ich mich doch zu mehr soziale Aktivitäten zwingen soll.
Von der Ergotherapeutin kam jetzt der Rat, dass ich mich danach richten soll, wie es vor der Depression gewesen wäre.
Nur war es durchaus auch ein Problem, dass ich da meine eigenen Grenzen ignoriert habe.

Körperliche Beschwerden/Schmerzen, Symptome soll man ernst nehmen, man muss nichts aushalten, man soll es sich selbst wert sein bei Beschwerden zum Arzt zu gehen. Dann wird man auch noch auf Körperwahrnehmung geschult.
Na und dann sitzt man bei einem Arzt anderer Fachrichtungen und der spielt die Beschwerden erstmal herunter. Reagiert wird erst, wenn ein bestimmtes Level erreicht ist. Hab das so auch unabhängig von einer Episode erlebt.

Wie geht man denn mit solchen Wiedersprüchen um?
Kennt ihr noch andere Beispiele?

LG, Monchen


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 17. Okt 2020, 12:48 

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Hallo Monchen,

diese Frage hat mich jahrelang umgetrieben und wirklich begreifen konnte ich es erst, als ich mit einem strukturierten Lauftraining begonnen habe – meine Erkenntnisse dort ließen sich übertragen, wobei es für mich wichtig war, es zu erleben um es zu begreifen:

Es gibt eine allgemeine Trainingslehre. Die besagt, dass bestimmte Dinge üblicherweise dazu führen, dass man fitter wird (Training) und andere üblicherweise dazu, dass die Fitness abnimmt (kein Training). Allerdings gehört Regeneration – was ja im Prinzip kein Training ist – genauso zum Training wie das eigentliche Training. Zuviel ist nicht gut und zuwenig ist auch nicht gut.

Es ist wie beim Balancieren auf der Wippe des Spielplatzes: an einem bestimmten Punkt hältst du die Waage. Dieser Punkt ist üblicherweise die Mitte, aber das muss nicht zwingend so sein – es kommt darauf an, welche Gewichte sich außer dir noch so auf der Waage befinden und das kann sich jederzeit ändern, also musst du auch jederzeit ein neues Gleichgewicht finden.

Im Alltag ist es ähnlich. Es gibt bestimmte Prinzipien, die üblicherweise dazu führen, dass es einem ganz gut geht und es gibt andere, die üblicherweise dazu führen, dass es einem eher schlecht geht. Es sind viele kleine Bausteine, viele kleine Variablen, die am Ende zu einem bestimmten Ergebnis führen. Das große Ganze ist allgemeingültig, in den Teilbereichen und vor allem in der Dosis musst du aber auf deine ganz persönliche Wippe schauen.

Grobe Bausteine bei der Bewältigung von Depressionen sind: eine angemessene Dosis Schlaf, Tagesstruktur, nährstoffreiche Ernährung, Bewegung, eine sinnstiftende Aufgabe, soziale Kontakte.
Das kann sich auch mal widersprechen: z.B. kann man sich für den sozialen Kontakt entscheiden und dafür in Kauf nehmen, dass man in der Nacht weniger Schlaf bekommt. Oder man entscheidet sich für den Schlaf und dafür gegen den sozialen Kontakt. Beides kann richtig sein und im individuellen Fall werden Behandler:innen unterschiedlich bewerten, wo sie die Prioritäten sehen. Deine persönlichen Prioritäten können davon abweichen, ohne dass sich hieraus unbedingt eine feste Regel ergeben muss; es ist ein Lernprozess, sich hier kennenzulernen und ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln. So dass man irgendwann halbwegs sicher erkennt: HEUTE muss ich die Priorität auf den Schlaf legen, wohl wissend, dass meine Freunde vielleicht enttäuscht sind. Oder eben: HEUTE sind mir die Freunde wichtiger und ich verzichte dafür auf etwas Schlaf, wohl wissend, dass ich morgen müde sein werde.

So dass es sich irgendwann die Waage hält und man nicht irgendwann feststellen muss, dass man sich über einen längeren Zeitraum ein massives Schlafdefizit aufgebaut hat und es Konflikte mit den Freunden gibt, weil man im Kontakt ständig gereizt, unaufmerksam und träge ist. Oder dass man feststellen muss, dass die Freunde leider inzwischen keine mehr sind, weil man ständig abgesagt und sich für den Schlaf entschieden hat.

Letztlich finde ich auch entscheidend, was man selber eigentlich möchte. Wie würdest du dein Leben gestalten, wenn du keine Depression hättest? Welches Level an sozialen Kontakten würdest du dir dann wünschen und wo wäre es dir zuviel? Wie wäre es dann mit dem Weinen, wie häufig käme das vor, wie heftig und in welchen Situationen?
Wenn man weiß, wo man hinmöchte, kann man sich überlegen, wie man das (Stück für Stück) erreicht. Behandler:innen können da nur bedingt mitreden, denn es ist auch ein bisschen Typfrage, die eine Person ist vielleicht eher extrovertiert und legt deshalb mehr Wert auf Freundschaften, wohingegen eine andere Person eher introvertiert ist und mehr Wert legt auf Ruhephasen. Zudem wird meines Erachtens die Aussage "in einer Depression soll man nur tun, was einem guttut" häufig falsch verstanden, denn es stimmt ganz sicher für die Akutphase einer Depression, wo Schonung angesagt ist und es stimmt irgendwann nicht mehr so ganz, wenn die Depression chronifiziert ist und bereits Jahre andauert. Es ist okay und gesund und wichtig mal zu weinen, auch mal eine Weinphase zu haben, mal einen richtigen Heulschub und vor allem, wenn etwas sehr traurig ist - aber wenn es über einen so langen Zeitraum nicht aufhört, dann ist das doch eine Quälerei oder nicht? Ich meine, baut es denn Stress ab?

Ich finde es sinnvoll, so viele Ansichten wie möglich zu sammeln, aber eher als Anregung und weniger als Befehl. Die Psyche ist keine exakte Wissenschaft – genauso wenig wie die Trainingslehre im Sport. Es gibt Orientierung und das ist eine feine Sache; aber schlussendlich muss jede:r selbst herumprobieren, was im Detail funktioniert und was nicht, immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es sich jederzeit ändern kann, wenn sich die Umstände ändern.

Außerdem: bei mir werden auch körperliche Beschwerden, Schmerzen und Symptome heruntergespielt, so lange bis ein bestimmtes Level erreicht ist. Und bei Sportverletzungen sagt der Hausarzt "unbedingt sofort aufhören mit dem Training" und der Sportarzt "keinesfalls aufhören mit dem Training". So much for that.

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 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 21. Okt 2020, 18:48 

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Wolkenzauber hat geschrieben:
Es scheint so, dass sich dieses Thema für Dich erledigt hat, oder nicht wirklich wichtig bzw. bedeutsam ist.

Schon mal dran gedacht, dass es ihr vielleicht auch schlecht geht und sie grade nicht antworten KANN? Sie hat ja schließlich auch Depressionen.


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 21. Okt 2020, 19:52 

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Dieses Thema hat mich sehr angesprochen und interessiert, ich habe es gern gelesen und Eure Antworten aufgesogen. Ihr habt somit nicht nur Monchen etwas Gutes getan, sondern bestimmt auch vielen anderen. Mir auf jeden Fall!

Mir geht es oft so, dass ich vieles lese, dann aber keine Kraft habe zu schreiben. Dann schreibe ich in ein oder zwei Themen etwas und dann werde ich innerlich hibbelig und unruhig und muss aufhören.

Es kann sicher viele Gründe geben, warum Monchen sich hier aktuell nicht äußert. Ich denke, sie versucht gerade ihre freien Tage sinnvoll zu gestalten und hier geht es ja eher um die Themen des Alltags mit Arbeit und Therapie. Diese Themen haben dann später wieder Priorität.

Ich jedenfalls bin Euch sehr dankbar!

Einen schönen Abend wünsche ich allerseits


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 21. Okt 2020, 21:08 

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Hallo Wolkenzauber,

tut mir leid, ich wollte nicht so respektlos rüberkommen.
Ich hab es hier nur schon ziemlich oft mitbekommen, dass manche User sehr ungeduldig sind und dem Threadersteller Vorwürfe machen, wenn er nicht gleich antwortet, und ihm sofort unterstellen, dass ihn das Thema in Wirklichkeit gar nicht interessiert. Meist wird dann noch ein schlechtes Gewissen gemacht, weil sich der User so viel Mühe mit der Antwort gegeben hat. Und das manchmal schon nach ein paar Stunden, als würde jeder non stop im Internet rumhängen. Sowas nervt mich dann ziemlich und mittlerweile reagiere ich da etwas allergisch drauf.

Ich verstehe, dass es dich nervt, wenn du keine Antwort bekommst, mich nervt das auch, wenn man sich Mühe gibt und dann wird null darauf eingegangen. Und deine Antwort ist ja auch schon länger her, da ist es auch okay und gut, mal nachzufragen.
Ich weiß aber, dass es Monchen grade nicht so gut geht und ich kenne es von mir, dass ich manchmal, wenn mich was beschäftigt, ein Thema anfange und dann aber nicht antworten kann, weil ich bei genau dem Thema blockiert bin. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich dann zu anderen Themen Beiträge schreiben, die für mich grade nicht so viel Kraft erfordern, aber bei dem eigentlichen größeren Thema, das ich selbst angefangen habe, bin ich dann lahmgelegt. Wenn ich es schaffe, gebe ich schon Rückmeldung, dass die Antwort noch kommt, aber manchmal ist auch das schwierig oder es geht irgendwie unter.

Von daher fände ich es schöner, wenn bei ausbleibenden Antworten einfach mal nur nachgefragt wird, was los ist und nicht gleich unterstellt wird, man hätte eigentlich gar kein Interesse, und ein schlechtes Gewissen gemacht wird. Dein Beitrag kam bei mir leider so an. Wenn dein Text nicht so gemeint war, dann Entschuldigung für die etwas harsche Reaktion.

Liebe Grüße,
DieNeue


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 12:02 

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Guten Morgen,

@Wolkenzauber: mir geht es so, wie es in einem anderen Thread krasser beschrieben wurde, ich empfinde dich sehr fordernd und manchmal aus sehr patzig. Zu deinem ersten Post war meine spontane Reaktion auch eine durchaus patzige Antwort. Von daher habe ich erstmal nicht geantwortet. Dann kam eine sehr anstrengende, fordernde Woche, ich war Freitag echt fertig mit Allem. Mal eben kurz ne Antwort schreiben und darin schildern wie ich zu meinen Katzen kam oder chemisch fachlichen Unsinn richtig stellen, das geht mal eben nebenbei in der Bahn. Anspruchsvollere Dinge nicht. Warum du jetzt, scheinbar, alles gelöscht hast, darüber kann ich nur mutmaßen. Schade denn immerhin gab es ja auch, die Rückmeldung, dass dein Post anderen geholfen hat.

@DieNeue: ich mag dich gerade einfach mal knuddeln.

Inhaltlich ist, glaube ich mein Problem, dass ich in den Punkten soziale Kontakte, Schlaf und Weinen halt kein "normales" Mittelmaß kenne.
Wenn ich mir zu etwas zwinge obwohl ich eigentlich fertig bin, habe ich halt die Erfahrung gemacht, dass das in beide Richtungen enden kann. Es war gut es getan zu haben, oder eben auch nicht. Ich kann für mich überhaupt nicht ausmachen, wenn was eintreten wird.
In der Ergotherapie tasten wir uns jetzt ran, dass ich anfange wieder wahrzunehmen was gerade los ist. In Sachen Anspannung hat es erstmal nicht geklappt. Selbst wenn ich da etwas merke, kann ich das nicht einordnen.
Von daher wäre eine einheitliche Regel mit klaren Anweisungen aktuell hilfreich für mich.

An anderen Punkten kann ich mit Wiedersprüchen gut umgehen, da weiß ich eindeutig, was ich nicht mehr will.
Schichtdienst ist leider in der Chemie-Branche nich unüblich. Ich gab den schon von der Erkrankung als Quälerei empfunden. Bisher haben auch alle immer gesagt, dass ich das auf keinen Fall mehr machen sollte. Dann gab es kurzzeitig eine Ergotherapeutin, die meinte, ich solle doch mal drüber nachdenken, ob ich das nicht doch wieder machen will. Das ist ein Punkt, da kann ich ein ganz klares "Nein" geben.
Mehr fällt mir gerade nicht ein.
LG, Monchen


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 27. Okt 2020, 17:31 

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Was Salvatore sagt ist die eine Wahrheit. Die andere ist meiner Ansicht nach aber auch "Frag 10 Fachleute und Du hast 11 Meinungen". Ich höre mir viele Meinungen an und picke mir das heraus was mir gut tut. Letztlich bin ich Experte meines Körpers und meiner Seele und kein Fachmann. Ich entscheide selbst. Sonst entscheiden andere und die entscheiden falsch.


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Therapeutische Wiedersprüche
BeitragVerfasst: 29. Okt 2020, 17:28 

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@Cynthia: hä?

Cynthia hat geschrieben:
Was Salvatore sagt ist die eine Wahrheit. Die andere ist meiner Ansicht nach aber auch "Frag 10 Fachleute und Du hast 11 Meinungen". Ich höre mir viele Meinungen an und picke mir das heraus was mir gut tut.


Salvatore hat geschrieben:
Ich finde es sinnvoll, so viele Ansichten wie möglich zu sammeln, aber eher als Anregung und weniger als Befehl. Die Psyche ist keine exakte Wissenschaft – genauso wenig wie die Trainingslehre im Sport. Es gibt Orientierung und das ist eine feine Sache; aber schlussendlich muss jede:r selbst herumprobieren, was im Detail funktioniert und was nicht,

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