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 Betreff des Beitrags: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 11:06 

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Liebes Forum,

ich bin ganz neu hier. Ich hoffe, dass mir der Austausch mit euch vielleicht helfen kann, denn ich weiß aktuell wirklich nicht mehr weiter.

Vielleicht erstmal ein paar Eckdaten zu mir: Ich bin 29, alleinstehend, voll berufstätig und habe eine rezidivierende depressive Störung. Ich war bereits mit 16 in Therapie, damals wurde das aber als "Anpassungsstörung" diagnostiziert. Die aktuelle Diagnose mit medikamentöser Einstellung und Verhaltenstherapie habe ich seit etwa einem Jahr. Rückblickend kam die Depression schon länger schleichend zurück, im letzten Jahr hatte ich dann aber ausgelöst durch die Trennung meines Partners von mir einen totalen Zusammenbruch und nichts ging mehr. Ich hatte extreme Panikattacken, konnte nicht mehr essen, kurzum - es ging mir auch körperlich extrem schlecht.

Durch die Medikamente und die Therapie "funktioniere" ich inzwischen wieder. Aber das ist es auch, nicht viel mehr als das. Meine Freunde sind zwar sehr verständnisvoll, aber ich habe langsam das Gefühl, dass sie denken, dass ich langsam wieder "gesund" sein müsste. Aber das bin ich einfach nicht. Ich arbeite seit März Coronabedingt im Homeoffice, was mir einerseits hilft, weil ich weniger Energie in das Aufrechterhalten meiner Fassade stecken muss. Aber selbst hier bin ich wahnsinnig erschöpft, könnte nur schlafen. Dank der Therapie habe ich inzwischen die Trennung ziemlich gut verarbeitet und bin nun fast zwei Jahre später wieder an dem Punkt, an dem ich gerne einen neuen Partner hätte. Leider ein schwieriges Thema, zu dem ich vielleicht später noch mehr schreibe, wenn ich mehr Energie habe.
Mein Job ist ein anderes. Ich bin rein objektiv erfolgreich in meinem Beruf und auch sehr dankbar, in der aktuellen Situation abgesichert und so flexibel zu sein. Meine Kollegen sind nett. Allerdings will ich schon länger einen Wechsel (auch hierzu später mehr), komme aber nicht voran.

Besonders liegt mir aber im Magen, dass ich einfach keine Besserung mehr sehe. Es ging zwar noch nie mit großen Schritten voran, aber immerhin konnte ich langsam sehen, wie sich die Dinge verändert haben. Aber seit ein paar Monaten drehe ich mich nur noch im Kreis, auch mit meiner Therapeutin. Ich hänge irgendwie an einem Punkt fest, an dem ich mir zwar selber keine Angst mehr mache, dafür dümpele ich nur so vor mich hin.

Bitte entschuldigt, das ist sicher nicht der ideale erste Post, aber ich kann gerade meine Gedanken schlecht ordnen. Ich wollte einfach nur gerne mit jemandem sprechen, der in einer ähnlichen Situation ist und mir nicht erzählt, wie schön doch das Leben ist. Ich hoffe das macht alles zumindest ein wenig Sinn.


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 11:23 

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Beiträge: 66
 
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Hallo Liseli,

wir haben hier ALLE schwere Themen. Daher brauchst du dir keine Sorgen zu machen, es könnte ein zu "schlechter" Einstand sein :-)
Ich kann deine Situation zu 90% nachvollziehen... die meisten Punkte treffen bei mir ähnlich zu bzw. sind sogar identisch.

Niemand ist froh, NUR zu funktionieren... aber dieser Zustand ist ja bei weitem besser als komplett aus dem Leben geschossen zu sein. Aber du darfst den Kopf NIEMALS hängen lassen, und ein Austausch wie hier im Forum ist (zumindest für mich) sehr hilfreich.

Damit schließe ich aber vorerst meinen Kommentar ab und heiße dich hier noch herzlich Willkommen!

Lieber Gruß

TheTower

_________________
Vieles, was uns Kummer bereitet, entsteht dadurch, dass wir Dinge anders haben wollen, als sie sind. *Dalai Lama

Ich glaube, es dauert eine Zeit, bis man lernt, entspannt zu sein … es ist wie mit Muskeln, die man
trainieren muss… *Dalai Lama


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 11:24 

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Hey Liseli,

willkommen bei uns im Forum und danke für deinen Post. So hat man einen kleinen Einblick. Ich kann Dich gut verstehen, wenn es kommt, dann meist richtig. Trennungen sind immer mies. Ich hatte damals rund 2 Jahre mit einer Trennung zu kämpfen. Corona bedingt setzt das alles nochmal einen drauf. Man kann nicht einfach raus, in den Urlaub, ohne das man sich Gedanken machen muss. Wenn Du an einen punkt bist, wo Du dich im kreis drehst, vielleicht ist das erstmal eine ebene, wo man leben muss. Ich hab mir damals meinen Weg von tief unten bis weiter nach oben eine Reise mit der Bahn vorgestellt. Hier und da muss man mal umsteigen (Umzug, Trennung, anderer Job zb). Aber ich die typischen verspätungen und stillstand muss mit eingerechnet werden. Der nächste Zug zur weiterfahrt wird kommen. Einen neuen Partner oder gar einen neuen Job in der jetzigen Situation ist nicht gerade einfach zu finden. Nimm Dir die Zeit. Diese beschissene Krankheit ist leider etwas tricky und nicht für jeden verständlich, wie Du geschrieben hast, das deine Freunde ggf denken, das Du gesund sein müsstest. Ich hatte Anfang 2017 eine Reha gemacht, mein Umkreis dachte dann auch, der ist auf Knopfdruck wieder in der Spur und belastbar. Aber nein, selbst 3 Jahre danach, schwanke ich gerne mal zwischen verschiedenen Episoden der Depression.
Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, das der nächste Zug zu deinen Ziel bald einfahrt erhält.

_________________
LG von der Küste
=============
Reiseonkel, Dennis


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 12:11 

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Danke für eure einfühlsamen Antworten. Es tut einfach schon sehr gut von jemandem zu hören, für den das alles nicht „verrückt“ klingt oder der denkt, dass man das mit einer positiven Einstellung schon richten kann.

Mit meiner Therapeutin habe ich oft über das Bild des Schwimmens gesprochen. Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich inzwischen über Wasser halten kann, aber in einem weiten Ozean nirgendwo ankomme. Es ist einfach kein Land in Sicht. Inzwischen habe ich aber auch immer häufiger das Gefühl, dass die Beine unendlich müde werden. Es ist nicht so, dass die ich direkt untergehen will, aber ich würde oft so gerne aufhören, im Wasser zu treten..


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 13:20 

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Hallo Liseli,

auch von mir herzlich Willkommen hier im Forum.
Schön, dass du verständnisvolle Freunde hast. Lass dich aber nicht davon unter Druck setzen, dass du langsam wieder "gesund" sein müsstest. Das braucht alles seine Zeit (auch nach einer Trennung einen neuen Partner zu finden) und auch jobmäßig sich zu verändern und sieh, was du schon alles bewältigt hast.
Eins nach dem anderen und du wirst auch wieder Land sehen.

Alles Gute
Katerle


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 13:26 

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Danke, Katerle!

Ich hatte ja bereits eingangs erwähnt, dass Liebe ein schwieriges Thema für mich ist.

Ich bin jetzt seit bald zwei Jahren Single. Das erste Jahr war überhaupt nicht an eine neue Beziehung zu denken. Die Trennungsverarbeitung im Rahmen meiner Therapie war einfach zu anstrengend und zu schmerzhaft.

Seit Anfang des Jahres date ich, das erste Mal in meinem Leben. Meine vorherigen Beziehungen (es waren nur zwei, dafür aber sehr langjährige) haben sich mehr oder weniger einfach ergeben. Jetzt, in der Großstadt, in Vollzeit arbeitend und in Zeiten von Corona, bleibt mir eigentlich nur Onlinedating.

Ich habe im Laufe der letzten Monate wenig Männer getroffen, mit denen ich mir mehr hätte vorstellen können. Und genau die sind es immer, die mir zwar sagen, dass sie mich durchaus sympathisch und attraktiv finden, sich aber "emotional" nicht mehr vorstellen können. Was natürlich vollkommen legitim und normal ist - es wirft mich jedoch trotzdem jedes Mal komplett aus der Bahn. Körbe sind für mich nichts Neues, allerdings ist meine emotionale Reaktion darauf extrem. Ich fühle mich extrem abgewertet, ungeliebt, alleine gelassen, in einer Intensität, die nicht im Verhältnis zu meiner "Beziehung" zu den Männern steht.

Partnerschaft ist für mich inzwischen ein großes Thema und natürlich tickt mit fast 30 die biologische Uhr sehr laut und in meinem Fall schlagartig. Ich habe mir lange selber nicht den Wunsch nach Kindern "erlaubt" (andauerndes, schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter verbunden mit der Angst, selber keine gute Mutter sein zu können) und war dadurch total entspannt, was Familienplanung angeht. Durch die Therapie bin ich jetzt inzwischen an einem Punkt, wo ich mir selber zugestehe, solche Träume und Wünsche haben zu dürfen und sie natürlich dadurch umso mehr festhalte. Ich weiß, dass der einzige Weg dorthin Dating ist, um hoffentlich irgendwann jemanden zu finden, mit dem es passt. Gleichzeitig wurde ich ausnahmslos jedes seltene Mal, dass ich mich geöffnet habe, um jemanden näher an mich heranzulassen, früher oder später abgewiesen, was wieder eine Verschlimmerung der Depression mit sich gezogen hat und ganz dunkle Gedanken daran, dass es sowieso nie besser wird, ich immer alleine bleiben werde und ob ich mir ein Leben so überhaupt vorstellen kann.

Hat jemand einen Tipp, wie man sich besser "einfangen" kann? Ich weiß, dass ich mich in Zeiten von Unverbindlichkeit und enorm großer Auswahl wahrscheinlich noch mit einigen Körben arrangieren muss, habe aber gleichzeitig einfach nicht die Energie, jedes Mal dieses tiefe Tal danach zu durchschreiten (und während ich das schreibe, sagt die kleine Stimme schon wieder, dass ich mich einfach damit abfinden soll, dass ich ohnehin nie jemanden finde).


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 26. Okt 2020, 16:39 

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Das Thema Liebe ist allgemein nicht einfach. Und Verliebtheit bedeutet ja auch keine Liebe, denn sie ist viel mehr.
Kann ich verstehen, dass die Trennungsverarbeitung für dich sehr schmerzhaft und auch anstrengend war und in den zwei Jahren auch kein Platz für eine neue Beziehung.
Es wird bestimmt bald jemanden geben, der mit dir in Sachen Liebe auf einem Nenner ist. Manchmal kann eine Beziehung an der Liebe wachsen.
Meiner z. B. erwartet von mir auch immer das, was er gerne schafft. Ich habe ihn schon öfters darauf hingewiesen, dass es nicht so funktioniert und ich dafür andere Stärken habe...
Gut, dass du dir nun nach der Therapie den Wunsch nach Kindern erlauben kannst.
Meine Mutter war gut, aber auch ich hatte auch Angst, keine gute Mutter sein zu können (aus anderen schwerwiegenden Gründen).
Drücke dir jedenfalls ganz fest die Daumen, dass sich dein Wunsch nach einer neuen Partnerschaft bald erfüllen wird, sowie deinem Kinderwunsch.

LG Katerle


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 1. Nov 2020, 00:00 

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Liebes Katerle, vielen Dank erstmal für deine Antwort.

Jetzt hatte ich es schon hier geschafft zu schreiben und bin dann direkt wieder abgetaucht. Im Moment ist es wieder schwer, ich fühle mich wie in Watte gepackt.

Heute war ich in einem großen Möbelhaus, weil ich einige Dinge besorgen musste und es hat mich wieder gepackt. Meine letzten rückblickend depressionsfreien Momente waren vor ein paar Jahren, als ich mit meinem damaligen Partner zusammengezogen bin. Und alleine wieder in dieser Atmosphäre zu sein, hat mich daran erinnert, dass ich mal glücklich war, hoffnungsfroh, mir mit jemandem ein neues Leben aufzubauen. Und wie lange das schon her ist. Und wie müde ich bin.

Ich höre so oft von meinem Umfeld: "Wenn es jemand verdient hat, dass ihm endlich mal was Gutes passiert, dann bist du das, Liseli. Du hast so viel gekämpft." Und dann denke ich - ja. Und ich bin so müde davon.


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Stillstand
BeitragVerfasst: 1. Nov 2020, 21:34 

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Hallo Liseli,

ich glaube, der erste Schritt ist erst einmal Selbstliebe. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch nicht von anderen geliebt werden. Man strahlt es dann aus und zieht automatisch nur Freaks und total gestörte Menschen an.

Ich war lange auch so und wollte um jeden Preis geliebt werden und eine funktionierende Partnerschaft. Halt endlich ankommen, mir was aufbauen, einen Mann an meiner Seite haben und bin von einer Katastrophe in die nächste gestolpert. Und dann habe ich angefangen an mir selbst zu arbeiten.

Frage dich einfach mal: Was bin ich mir selbst wert? Wie sehe ich mich selbst? Liebe ich mich selbst?

Mich hat die Depression das erste Mal 2016 umgehauen. Davor habe ich jahrelang nur noch funktioniert, wollte es mir selbst nie eingestehen. Heute bin ich an dem Punkt, dass ich für mich gerade rausfinde, was mir Spaß macht, was ich gern mache.

Eventuell hilft es dir wirklich, wenn du dich erst einmal um dich selbst kümmerst. Übrigens war ich jahrelang alleinerziehend. Man braucht für die Zeugung eines Kindes zwar einen Mann, aber du brauchst keine Beziehung um ein Kind zu bekommen. Also wenn es dir nur um den Kinderwunsch geht, gibt es auch andere Möglichkeiten.

Liebe Grüße
Patrizia


 
 
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