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 Betreff des Beitrags: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 12. Aug 2021, 14:18 

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Hallo,

ich habe kürzlich einen Newsletter der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bekommen, in dem unter anderem Prof. Hegerl, dem Vorsitzenden der Stiftung, einige Fragen gestellt wurden.
Dabei ging es auch um Entscheidungen in der Depression. Ich zitiere einfach mal Text:

"Warum fällt es in der Depression so schwer, Entscheidungen zu treffen?

In der Depression erfolgt alles gegen einen bleiernen Widerstand. Deswegen fällt es sehr schwer, sich für irgendetwas zu entscheiden. Hinzu kommt, dass der depressiv Erkrankte immer das Gefühl hat, was er macht, ist falsch. Selbst wenn Patienten sich entscheiden, eine Psychotherapie zu beginnen oder Medikamente zu nehmen, haben sie das Gefühl, das war nicht richtig. Jede Entscheidung wird hinterfragt. Das ist Teil der Depression."

Als depressiver Mensch sollte ich mich in dem Text des Professors wiedererkennen können. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gelingt das einfach nicht. Und deshalb würde ich dazu gern Eure Einschätzung kennenlernen.

Zunächst mal finde ich es oberflächlich, pauschal über depressive Menschen diese oder andere Aussagen zu treffen. Jeder Mensch ist anders, auch wir depressiven Menschen. Den ersten Satz kann ich allerdings bestätigen, alles erfolgt gegen einen mehr oder weniger starken "bleiernden" Widerstand. Das macht mir jedes Handeln schwerer als früher, als ich noch keine Depression hatte.

Nicht bestätigen kann ich die Aussage von Prof. Hegerl, der Depressive habe immer das Gefühl, alles, was er mache sei falsch. Dann müßte ich zum Beispiel jetzt das Gefühl haben, diesen Thread zu eröffnen, sei verkehrt, was aber nicht der Fall ist. Oder wenn ich zur Selbsthilfegruppe gehe jede Woche, müßte ich denken, es sei falsch, dorthin zu gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich freue mich auf das Treffen, selbst dann wenn ich ganz unten bin. Aus Erfahrung weiß ich dass Gespräche immer eine Hilfe sind. Entscheidungen werden sicher nicht nur von Depressiven hinterfragt. Das tut nach meiner Erfahrung jeder halbwegs gewissenhafte Mensch.

Soviel aus meiner Sicht dazu.Ich bin gespannt, wie ihr darüber denkt und würde mir eine interessante Diskussion wünschen.

Liebe Grüße

Jane


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 12. Aug 2021, 14:34 

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Hallo Jane,

bei mir war es eher ein getriebenes Gefühl als ein bleierner Zustand. Zu viele Gedankenkreise und Unruhe und Durcheinander war in meinem Kopf. Ich hatte eine agitierte Depression, viel hinlegen am Tage und passiv sein kannte ich nicht.
Aber das Gefühl alles an mir zu hinterfragen, mein erster Termin bei einem Psychologen war mir total peinlich und ich fragte mich was ich da überhaupt mache.

_________________
LG

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 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 12. Aug 2021, 15:17 

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Hallo Jana,

Ich hinterfrage sicherlich viel, aber ich versuche auch Antworten zu finden.
Entscheidungen treffen, das ist schon ne Sache, die nicht so einfach ist.
Mal geht es sehr gut, dann wieder wird es sehr schwierig.
Bei Klamotten, Schuhen u.ä. ist mir aufgefallen, Entscheidungen treffen klappt nur dann, wenn ich auch wirklich Lust darauf habe shoppen zu gehen. Mache ich das, weil ich muss bzw dringend etwas brauche, wird das Ganze zum Krampf und ich kann mich nicht entscheiden/ finde an allem was auszusetzen. Das endet dann auch darin, dass ich frustriert bin und nichts kaufe.
An anderen Stellen überfordert mich einfach die Auswahl, die es in den Geschäften oft gibt. Warum zur Hölle gibt es eigentlich gefühlte 300 verschiedene Shampoos oder 70 verschiedene Zahnpasten?
Gestern ging der ganze Lebensmitteleinkauf gut, bis ich mir dachte: ein paar Keks wären doch ganz nett...
Das Gefühl, dass ich alles falsch mache kenne ich auch, aber das Gefühl, dass immer bei mir alles schief geht und ich daran Schuld bin, habe ich häufiger.
Medikamente und Therapien hinterfrage ich immer nur, wenn es mir relativ schlecht geht. Läuft es halbwegs, ist das Ganze für mich okay.

Stimmt also schon alles irgendwie, teilweise...

Aber was soll er denn auch auf so allgemeine Fragen antworten? - eigentlich kann man da doch nur pauschale Antworten geben.

LG, Monchen


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 12. Aug 2021, 16:49 

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hallo Jane,

ich finde diese Aussagen auch sehr pauschal. Der erste Satz trifft auf mich zu, der Rest nur teilweise und auch nur manchmal. Mein Problem bei Entscheidungen ist oft eher, dass ich schlecht Prioritäten setzen kann und jedes Argument gleich wichtig erscheint. Oft ist es auch so, dass ich mich schlecht fühle, egal, wie ich mich entscheide, da nutzt das beste Bauchgefühl nichts mehr.
Ich finde, Depressionen werden in der Öffentlichkeit meistens sehr pauschal und verallgemeinernd beschrieben. Mich stört das auch, weil ich mir denke, jeder, der das liest und weiß, dass ich Depressionen habe, denkt dann, ich wäre genauso. Deshalb lese ich solche Sachen meist schon gar nicht mehr und versuche mich davon abzugrenzen.
Ich würde mir wünschen, wenn man solche Fragen nicht so pauschal beantworten würde. Das ließe sich ja einfach bewerkstelligen, indem man einfach die Wörter "alle", "immer", "keine" usw. ersetzt durch "viele", "die meisten", "oft" usw. und ab und zu mal den Konjunktiv benutzt anstatt absolute Aussagen zu treffen. Noch den Satz hinterherzuschieben, dass Depressionen sehr individuell sind, wäre jetzt auch kein großer Aufwand...

Ich habe manchmal den Eindruck, dass solche Texte eher für Leute gedacht sind, die noch keine Ahnung von Depressionen haben oder für Außenstehende, die die Krassheit der Symptome nicht überreissen würden, wenn man sie nicht so krass darstellen würde.
Das mit dem Anzweifeln der Psychotherapie und den Medikamenten würde ich mal so interpretieren, dass rüberkommen soll, dass sogar sinnvolle Entscheidungen dazu führen können, dass man sich schlecht fühlt.

Ich habe festgestellt, dass es Leute gibt, die gut mit solchen pauschalen Aussagen leben können, andere wie mich regt sowas eher auf. Manchmal finde ich es auch hilfreich und auch sinnvoll, wenn man die Leute auf sowas anspricht und ihnen sagt, wie sowas rüberkommt, denn nur so können sie auch was ändern.
Du bist auf jeden Fall nicht "falsch" o.ä., nur weil du in so eine pauschale Beschreibung nicht reinpasst.

Liebe Grüße,
DieNeue


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 13. Aug 2021, 05:32 

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Hallo Jane,

mutig, dass du das ansprichst.

Auch hierzu gibt es sicherlich unterschiedliche Erfahrungen. Bei mir war es so, dass ich vielleicht anfangs etwas unsicher war, eine Therapie zu machen. Aber es war meine Entscheidung und im Nachhinein fühlte es sich richtig an. Unterstützung durch meinen M. erfuhr ich diesbezüglich keine)
Ich habe schon einige Entscheidungen in meinem Leben getroffen, was meinen Beruf anging oder meine Familie/Partnerschaft. Und auch mein Partner und ich waren uns nicht immer einig. (Es gab Gründe)
Ich würde sogar behaupten, dass ich in Zeiten von Depression etwas gehemmter war, Entscheidungen zu treffen, was auch mit Ängsten und auch Konzentrationsstörungen verbunden war, aber auch aus finanzieller Sicht.
Ansonsten wusste ich aber immer, was ich wollte, auch heute.

Liebe Grüße
Katerle


Zuletzt geändert von Katerle am 15. Aug 2021, 13:12, insgesamt 2-mal geändert.

 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 13. Aug 2021, 09:28 

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Hallo,

Danke an diejenigen, die sich schon geäußert haben.

Mir ist klar, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen dazu sehr unterschiedlich sind, so hatte ich das auch erwartet. Eben, weil Menschen unterschiedlich ticken.

Aber es enttäuscht mich daß Prof. Hegerl als Facharzt für Psychiatrie und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe so pauschal und oberflächlich Depression beschreibt.

Aufklärung ist wichtig, aber dann sollte die differenzierter sein als in diesem Newsletter der Stiftung. Mit solchen pauschalen Bemerkungen zur Depression schadet man mehr unserer Sache als dass es nützlich wäre.

Liebe Grüße

Jane


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 14. Aug 2021, 08:40 

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Monchen12345 hat geschrieben:
Aber was soll er denn auch auf so allgemeine Fragen antworten? - eigentlich kann man da doch nur pauschale Antworten geben.

LG, Monchen



Liebe Monchen,

Ich sehe das anders. Immerhin wurde Prof. Hegerl von den „eigenen Leuten“ befragt, der Newsletter wird regelmäßig von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe versendet, dessen Vorsitzender er ist.

Insofern gehe ich davon aus, dass er voll und ganz hinter seinen Aussagen steht. Und das finde ich allerdings beschämend für jemanden, der die Sache der von Depression betroffenen Menschen nach außen hin vertreten will.
Mit solchen Äußerungen, die an der Realität von etlichen Betroffenen vorbeigehen, wird es für uns noch schwerer, einen Arbeitgeber zu finden, der bereit ist, jemanden einzustellen, der bei jedem Handeln denkt, er macht es falsch. Mit solchen Leuten läßt sich tatsächlich kein Betrieb aufrechterhalten.

Liebe Grüße

Jane


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 14. Aug 2021, 15:23 

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Hallo Jane,

wenn mich sowas aufregt, dann schreibe ich die Leute meistens an oder spreche sie darauf an, dass sie das ändern sollten. Zum einen lässt mir das sonst keine Ruhe und zum anderen denke ich auch, dass sich nur was ändert, wenn man was dagegen macht. Und wer sonst, wenn nicht wir sollte was dagegen unternehmen? Das ist doch unsere Chance, etwas an unserer Situation zu ändern! Ich habe auch mal eine große bekannte Internetseite angeschrieben und drum gebeten, dass sie einen Eintrag über psychisch Kranke bitte ändern sollen, da das faktisch einfach nicht stimmt, was sie schreiben (deren Aussage war noch krasser als in dem Interview mit Prof. Hegerl) und sie auch eine Verantwortung haben mit ihrem Inhalt und ihrer Reichweite. Ich musste mehrmals nachhaken und bisschen Druck machen, aber schlussendlich wurde es geändert.
Ich kann dir nur Mut machen, das, was du hier geschrieben hast, auch an Herrn Prof. Hegerl oder die Stiftung rückzumelden. Auch Professoren sind nur Menschen und dürfen mal kritisiert werden. V.a. geht es ja um eine gemeinsame Sache, da kann man meiner Meinung nach schon mal Verbesserungsvorschläge machen.

Liebe Grüße,
DieNeue


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 15. Aug 2021, 08:34 

Registriert: 20. Mär 2021, 13:41
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Liebe DieNeue,

danke für die Anregung, ich werde mir das überlegen.

Eigentlich bin ich davon ausgegangen, daß schon durch den Thread zum Thema auf dem Forum der Stiftung die Leute, die für den Newsletter verantwortlich sind, auch informiert sind.

Immerhin wird das Forum von einem Arzt und Psychotherapeuten moderiert, der Prof. Hegerl sicherlich kennt und informieren könnte, wenn er wollte.

Liebe Grüße

Jane


 
 
 Betreff des Beitrags: Re: Entscheidungen in der Depression
BeitragVerfasst: 15. Aug 2021, 16:42 
Moderator

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Hallo von der Moderation,
ist jetzt mal nicht die Aufgabe der Moderation (so stille Post..). Und: Wenn Ihr Nick "Eisklar" ist, dass wäre das doch eine klare Lösung (machen ja auch viele andere Betroffene, Experten usw.) ganz direkt eine Nachricht mit Ihren Anregungen und Bedenken an die Stiftung zu schicken.
Und wir haben uns wirklich schwer mit Ihren Beiträgen getan, aber alles mal hier so gelassen wie Sie es wollten. Hintergrund ist ganz einfach: Es gibt eine Netiquette hier und wir bemühen uns ja alle stets sehr freundlich und nicht verletzend miteinander zu schreiben und wir mahnen das ja auch öfter mal an. Und wir als Moderation versuchen ja herabsetzenden Bemerkungen über andere User, Kliniken und vor allem "nicht anwesende oder mitlesende Personen" zu löschen. Insofern ist es echt eine Gratwanderung die Äusserungen Herrn Prof. Hegerls als "oberflächlich, pauschal und beschämend" zu bezeichnen. Bei allem Verständnis für Ihre inhaltliche Kritik, könnte man das sicher auch ein wenig weniger "judgy" und persönlich beleidigend formulieren. Witzigerweise hätten wir es, wenn es gegen eine andere Person gemünzt gewesen wäre, sicher gelöscht...Aber nochmal: Wenn Sie etwas mit Ihm zu klären haben (hatten wir ja schon in einem anderen Thread) wären wir wirklich dankbar, wenn Sie dies ganz direkt (wie die anderen auch) per mail tun würden!
Vielen Dank für Ihr Verständnis und: Beste Grüße
Die Moderation


 
 
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