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BeitragVerfasst: 1. Sep 2021, 23:49 

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Ich arbeite gerade an einer Therapie-Hausaufgabe, bei denen man sich problematische Situationen aus dem eigenen Leben heraussuchen soll, die man i.d.R. negativ bewertet, im Sinne von:

(A) objektiver Auslöser => (B) eigene subjektive negative Bewertung => (C) Gefühle, Verhalten

Herzu soll man dann zum selben Auslöser eine Alternativbewertung (B') finden und resultierende gewünschte Gefühle/Verhalten (C').

Die Beispiele dazu sind ganz trivial, dass es (A) nachts am Fenster raschelt:
(B): "Das ist bestimmt ein Einbrecher" => (C): Angst.
(B): "Es ist nur der Wind" => (C): Beruhigt weiterschlafen.

Suche ich hierzu aus dem eigenen Leben nun Beispiele, die mich regelmäßig triggern, finde ich mit diesem Schema auch nach langem Nachdenken keine gute Alternativbewertung B'. Ich hab jetzt ca. 30 Auslöser (A) aufgeschrieben, die mir im Alltag begegnen, und bei (B) fällt mir (bei FAST allen davon) immer nur ein, dass die Situation (begründet) einfach ganz großer Mist ist, aus dem ich keinen Ausweg oder irgendwas Positives sehe. (C) ist dann dementsprechend Wut, Ärger, Trauer, Hoffnungslosigkeit/Verzweiflung.

Ich finde es nicht richtig, wenn man sich schlechte Situationen "krampfhaft schönredet", oder hab ich da etwas falsch verstanden? Das wird irgendwann absurd unverhältnismäßig:

Doofes, überspitztes, makaberes Beispiel:
(A) Jemand verliert beide Beine.
=> (B') Sieh es doch mal positiv: Jetzt sparst du dir Geld für Schuhe.
=> (C') Ach so, ja dann ist (A) ja toll (bzw. halb so wild)
(Ja, das Beispiel ist überspitzt, und ich hab noch beide Beine, aber es zeigt, wie absurd diese Strategie sein kann)

Ich soll und möchte mich ernsthaft mit der Übung auseinandersetzen, und probiere ich jetzt schon den zweiten Abend in Folge an meinen konkreten Beispielen, eben solchen Konfrontationen mit dem Leben, die meine Emotionen Tag für Tag aufs Neue herausfordern.
Und wie ich's drehe oder wende, fällt mir kein positives (nicht-absurdes) (B') ein.

Was mache ich daran falsch? Müsste ich mir vielleicht "einfachere Beispiele" aussuchen??? Aber die wären dann nicht solche, die in meinem Leben problematisch sind. Beispiele wie (A) "Jemand grüßt mich nicht" => (B') "Vielleicht hat er/sie einfach schlechte Laune, es liegt nicht an mir" sind einfach nicht die, die mir typischerweise Probleme bereiten.

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Früher hätte ich es nie für möglich gehalten, wieviel Lethargie und wieviel Drama gleichzeitig stattfinden kann. Mein Gott, was waren wir jung!


 
 
BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 01:03 

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Es gibt noch eine Sache, die mich wirklich stört beim Schubladendenken, mit dem selbst professionelle Therapeutin Depressionspatienten kategorisieren:

In einem Merkblatt lese ich (mal wieder, weil altbekannt), dass es ein „typisches Denkmuster der Krankheit“ sei, zu sagen „alles“ sei schief gegangen, oder es passiere „immer“. Warum wird einem Depressiven hiermit das Recht abgesprochen, diese Wort im objektiv angemessenen Fall zu verwenden??

Auch bei meiner Therapeutin (von der ich viel halte) schrillen sofort die Alarmglocken, wenn ich so ein Wort verwende. In der Tat ist aber in bestimmten Bereichen meines Lebens alles schiefgegangen, und in bestimmten Bereichen war dies auch immer, von A bis Z.
Das müsse ja eine „Verallgemeinerung“ sein, und da sprechen nur die Depressionen:

Nein, ich kann – lückenlos! Von A bis Z – gern jedes einzelne dieser Ereignisse aufzählen, die zu 100% schiefgegangen sind, und würde dabei nicht eine einzige Situation „unterschlagen“, wo es nicht schiefgang… aber dann ist die halbe Sitzung rum.

Warum wird man als Depressiver nicht ernstgenommen, wenn man ein Problem damit hat, dass eine Sache bisher ausnahmslos „immer“ schiefgegangen ist und in diesen Bereichen (wirklich und ganz objektiv) „alles kaputtgegangen“ ist?

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BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 06:10 

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Guten Morgen Nowhere Man,

ich glaube schon, dass Deine Therapeutin Dich ernst nimmt und auch Dein Leid wahrnimmt.
In Situationen, wie Du sie beschreibst hilft mir radikale Akzeptanz.
Es gibt Dinge die sind so, sie sind/waren schlimm und sie sind nicht zu ändern, absolut nicht.
Lange Zeit - mehrere Jahre- bin ich ich in einer Situation gekreist. Ich habe die Situation und die Gefühle dabei immer und immer wieder durchlebt. Das hat einen Großteil meines Tages ausgemacht.
Raus bin ich gekommen durch "Es ist so, aber es ist vorbei". Allerdings habe ich auch eine Traumatherapie gemacht. dort wurde besonders an meinen Schuldkognitionen gearbeitet. Ich habe gedacht, ich hätte dieses und jenes tun müssen, um einen besseren Ausgang der Situation zu bewirken - dabei hätte das vermutlich nichts geändert. Es ist so ausgegangen wie es ist. Es ist sehr schlimm. Ich hätte daran nichts ändern können und es ist vorbei!!

Eine Traumatherapie brauchst Du bestimmt nicht, dass hätte Deine Therapeutin (die Du als sehr gut und engagiert beschreibst) Dir bestimmt gesagt. Doch die Haltung es ist was es ist und es ist vorbei, die hat mich weiter gebracht.
Mehr, als meine Gedanken umzudeuten.

Vielleicht möchtest Du mit Deiner Therapeutin besprechen, dass Du mit dem ABC-Schema nicht so klar kommst. Vielleicht hat sie noch einen anderen Vorschlag/eine andere Methode, mit der Du besser an Deinen Problemen arbeiten kannst. Sie ist bestimmt offen dafür, so wie Du sie beschreibst.

LG Gartenkobold

PS: In der Traumaklinik war meine "Patin" eine Patientin, die wirklich beide Beine verloren hat und die auch noch ca. 10 OPs vor sich hat, damit sie mit gebrochenen Becken irgendwie im Rollstuhl sitzen kann. Manche Sachen kann man nicht schön reden. Mit ihr haben wir den Film "Ziemlich beste Freunde" geschaut. Ich mag sie sehr empfinde sehr viel Achtung vor ihr.


 
 
BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 07:33 

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Guten Morgen Nowhere Man,

ich kann mich Gartenkobold nur anschließen.
Die Vergangenheit kann man nicht ändern und damit auch nicht, was damals passiert ist.
Das gute aus der Vergangenheit versuche ich mit in die Zukunft zu nehmen und das Schlechte werde ich nicht vergessen, aber einen Weg finden, es zu meiner Vergangenheit zu machen, die möglichst nicht mehr negativ in meine Zukunft reinspielt.

Nun zu Deinem überspitzten Beispiel und der möglichen positiven Umdeutung:
Beine verloren, aber Leben behalten.

Alles Gute,
Suchende


 
 
BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 12:42 

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Hallo Gartenkobold und Suchende,
danke für eure Rückmeldungen.

Ja, mit radikaler Akezptanz tu ich mich immer noch serh schwer. Es ist bei mir zumindest (schon seit längerer Zeit) eine "vordergründige Akzeptanz" oder ein "Verdrängen und dann Fokus auf die Dinge, die man selbst in der Hand hat", aber ganz ganz tief in mir drin hab ich viele Sachen noch nicht akzeptieren können, und bei manchen davon hab ich das Gefühl, dass ich noch Welten davon entfernt bin und es vielleicht nie akzeptieren kann.

Während ich im Alltag bzw. bei Dingen, mit denen ich mich planmäßig beschäftige, halt versuche, nicht ständig mit diesen Themen zu hadern (weil mich das nicht weiterbringt), tauchen aber immer wieder unvorhergesehen an allen Ecken des Lebens auf und rufen innerhalb einer Sekunde wieder alle Erinnerungen wach (das Thema Traumatherapie müsste ich vielleicht tatsächlich mal in Angriff nehmen, weil m.M.n. vieles des Erlebten wirkliche Traumata sind). Und diese Erinnerungen sind dann genau so übermächtig wie eh und je und ich kann ihnen weder rational noch emotional etwas entgegensetzen.

Ganz extrem (und noch weniger kontrollierbar) hab ich das bei Träumen:
Ich halte sehr viel von der psychologischen Aussagekraft von Träumen (also keine esoterische oder astrologische Traumdeutung, sondern was Träume direkt über unsere Psyche verraten).
Außerdem träume ich sehr viel und sehr realitätsnah:

Das sind auf der einen Seite, wie an anderer Stelle schon erwähnt, kreative Träume: Im Traum komponiere Songs (mit kompletter Bandbesetzung, gesamtem Ablauf, teils sogar mit Texten), löse an der Tafel Mathe-Probleme, die ich seit 2 Wochen nicht hinbekommen habe, oder spreche Fremdsprachen besser (größerer Wortschatz!) als ich es im Wachzustand tu (wache dann auf, und denk mir, was waren das für Worte, schlage es nach, und die gibt es, und alles war richtig). Oder einmal war ich mitten in einer Komödie, die eine Co-Produktion von Monty Python, Hape Kerkeling, Loriot und Helge Schneider war... War wohl einer der originellsten Filme, die ich je gesehen habe und bin irgendwann von meinem eigenen Lachen aufgewacht (leider, hätte ihn gern noch weitergesehen)

Auf der anderen Seite sind dies aber auch sehr, sehr emotionale Träume, wo ich (oder problematische Personen in meinem Leben) das aussprechen, was man sich tagsüber nicht trauen würde - schonungslos! Das trifft mich dann mit voller Breite.
Danach wache ich auf und kann mich eben nicht beruhigen, dass es "nur ein Traum" war, sondern denke mir: "Scheiße, der Traum hat ja RECHT. So ist es WIRKLICH. Und im Alltag, wo ich das unterdrücke, mache ich mir nur etwas vor, dass es halb so wild ist..." Und dann bin ich richtig traurig.

Ich glaube, das liegt (beides) daran, dass wir im Traum unsere Gedanken weniger kontrollieren können. Also bei den positiven Träumen weniger Hemmungen haben, nicht (zeitlich, oder mit Prioritäten) "unterdrücken" können, dass wir eigentlich komponieren wollen, oder eben dass wir über etwas großen Ärger oder Ungerechtigkeit oder Angst verspüren.

Trotz dieser (auch vielen Alp-)Träume bin ich kein klassischer Alptraumpatient, das hab ich mit meiner Therapeutin mal durch. Aber mich (ggf. anderweitig) nach Traumatherapie umzuschauen, sollte ich nicht aus den Augen verlieren.

Und bzgl. des ABC-Schema muss ich dann auch noch mal Rücksprache mit meiner Therapeutin halten, denn so komme ich mit meiner Hausaufgabe nicht vorwärts...

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Früher hätte ich es nie für möglich gehalten, wieviel Lethargie und wieviel Drama gleichzeitig stattfinden kann. Mein Gott, was waren wir jung!


 
 
BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 18:12 

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Du könntest dir das hier noch mal ansehen: the work, von byron katie

https://www.fuckluckygohappy.de/glaub-n ... ron-katie/

Mit diesem Thema habe ich mich lange beschäftigt. Ich denke letztendlich ist es eine Sache der Bewertung, wie du ja auch schreibst. MaN kann aber auch alles etwas einfacher sehen.....

Mich würde interessieren was du studierst?

Herzlicher Gruß


 
 
BeitragVerfasst: 2. Sep 2021, 19:36 

Registriert: 13. Mär 2021, 15:17
Beiträge: 148
 
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Hallo Nowhere Man,

Ähnlich wie bei deinem letzten Post: auch hier geht es nicht darum, das Große Ganze zu betrachten. Es geht darum, Gedankenmuster in kleinen, alltäglichen Handlungen zu entlarven und zu verbessern und dadurch allmählich einen positiveren Blick auf Dinge zu erhalten.

Vielleicht so auf die Schnelle...


 
 
BeitragVerfasst: 27. Okt 2021, 22:21 

Registriert: 11. Okt 2021, 16:57
Beiträge: 65
 
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Hallo nowhere man
Ich habe mich noch nie mit dem abc schema befasst und erst jetzt von dir davon gelesen.
Ich denke es können auch kreative lösungen sein für das problem.
Zum beispiel dass die person ohne beine eine dankbarkeit entwickelt für das, was noch möglich ist und es das vorher mit beiden beinen nicht gab.
Ich habe zum beispiel probleme mit abschied und neuanfang. Dann könnte ich sagen, dass ich dafür eine person bin, die kontinuirlich etwas beibehält und mit viel geduld ausübt.
Ich glaube es gibt in vielen dingen etwas positives, so wie wenn man eine negativ besetzte münze umdreht und dann kommt das positive hervor.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich nicht alle situationen aus dem täglichen leben für dieses schema eignen.
Ich habe nicht ein trauma, weswegen ich in die trauma therapie müsste. Aber es gibt schon in diesem sinne traumatische erfahrungen, die genau wie du beschreibst hochkommen und dann ist es gefühlsmässig nur noch schlimm. Da kann ich nichts positives rauspicken. Genauso bei phobien/extremen ängsten.
Ich denke ich würde auch der therapeutin eine rückmeldung geben, wie es gelaufen ist mit dem schema und nochmals über die bücher gehen, für welche situationen es sich überhaupt eignet.
Ich konnte auch nicht immer alles verwenden, was ich in meinen jahren mit therapie als hilfestellung erhalten habe, aber das meiste schon.


 
 
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